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Die Bohlen-Pierce-Klarinette


Was es mit der Bohlen-Pierce-Skala auf sich hat, kann man anhand beschreibender Worte kaum verstehen. Erst der unmittelbare Höreindruck in einem Konzert öffnet dem Zuhörer die Tore zu dieser tonalen Parallelwelt. Anders als Tonleitern in unserem gewohnten System stellt in der Bohlen-Pierce-Skala nicht die Oktave das wiederkehrende Rahmenintervall dar, sondern die Duodezime (Oktave plus Quinte). Diese wird in 13 Tonschritte eingeteilt, was unter verschiedenen mathematischen Gesichtspunkten geschieht. Das Ergebnis ist ein alternatives harmonisches System, das neue Möglichkeiten für gegenwärtige und zukünftige Musik eröffnet.

2008 wurde das erste akustische Blasinstrument präsentiert, die Bohlen-Pierce-Klarinette. In unserem Konzertprogramm werden wir einige der ersten Kompositionen für Bohlen-Pierce-Klarinette aufführen, ebenso wie weitere Stücke, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind. Auch die im März 2010 vorgestellte tief klingende Bohlen-Pierce-Tenorklarinette, bislang weltweit einzigartig, wird von uns eingesetzt.

Was uns an Bohlen-Pierce-Musik begeistert, ist die Möglichkeit, innerhalb eines tonalen Systems vollkommen neue Klanglandschaften und Hörerlebnisse zu finden. Unsere Erfahrung ist, dass das "westliche Ohr", das an Skalen gewöhnt ist, die auf verschiedenen Einteilungen der Oktave beruhen, es als eine intellektuelle Herausforderung empfindet, an ein Tonsystem zu denken, das die Erscheinung der Oktave vermeidet. Andererseits wird es vom Publikum als inspirierend und stimulierend empfunden, Bohlen-Pierce-Musik zu hören, da sie oft als eine Art "Musik vom anderen Stern" wahrgenommen wird. Bohlen-Pierce-Musik öffnet neue ästhetische Horizonte für zeitgenössische Musik. Durch die besondere Eigenschaft eines neuen und ungewohnten, aber dennoch harmonischen Systems hat Bohlen-Pierce-Musik das Potential, neue Musik mit diesem speziellen Aspekt zu bereichern und zeitgenössische Musikaufführungen für ein breiteres Publikum attraktiv zu machen.

Physikalisch gesprochen wird in der Bohlen-Pierce-Skala das Schwingungsverhältnis 1:2 der Oktave ersetzt durch das Verhältnis 1:3, wodurch die Duodezime zu einer Analogie der Oktave wird. Die Duodezime  - oder, wie Pierce sie  nannte, die Tritave (wegen des Verhältnisses 1:3) - wird als der Bezugspunkt festgesetzt, an dem sich die Skala ausrichtet. Erreicht wird die Duodezime nach dreizehn Tonschritten. Das bedeutet, dass jeder einzelne Tonschritt ungefähr einen Dreiviertelton, in gleichschwebender Stimmung genau 146,3 Cent groß ist. Sehr vereinfacht ausgedrückt, kann man sich das vorstellen wie bei einem Gummiband: Anstatt nach zwölf Halbtonschritten die Oktave zu erreichen, dehnen wir das Gummiband, so dass der Endpunkt auf der Duodezime zu liegen kommt. Mit fast derselben Anzahl von Tönen (13) kommen wir etwa anderthalb mal so weit. Es entsteht ein alternatives harmonisches System, in dem wohlgemerkt die Oktave überhaupt nicht geschieht, da sie durch die vom Gewohnten abweichende Einteilung der Tonschritte quasi übergangen wird. Das "neue" Rahmenintervall, die Duodezime, rangiert in Sachen Konsonanz auf Platz zwei nach der Oktave, da sie ein ähnlich einfaches Schwingungsverhältnis aufweist. Die Duodezime ersetzt die Oktave als reines Intervall. Dadurch entstehen andersartige Akkordstrukturen als die, die wir gewohnt sind.

In unserem gewohnten Tonsystem haben beispielsweise die Töne im Durdreiklang das Schwingungsverhältnis 4:5:6 (Grundton : Terz : Quinte), und es ist allgemein anerkannt, dass er nahezu vollkommene harmonische Eigenschaften besitzt. Als Intervall mit der höchsten Konsonanz gilt die Oktave. Wird dieses Schwingungsverhältnis dahingehend verändert, dass es sich auf ungeradzahlige Verhältnisse stützt, so wie es in der Duodezime (1:3) der Fall ist, nehmen wir also ein „gespreiztes“ Schwingungsverhältnis von 3:5:7 an, so ergibt sich daraus ein gänzlich anderer Dreiklang von sehr hohem harmonischem Wert. In der traditionellen westlichen Skala ist dieser Dreiklang nicht zu finden.

Entdeckt wurde die Bohlen-Pierce-Skala in den 1970er Jahren vom Hamburger Mikrowelleningenieur Heinz Bohlen sowie unabhängig ca. zehn Jahre später von John Robinson Pierce (einem der größten Ingenieure des 20. Jahrhunderts) in Kalifornien. Bohlen und Pierce wurden die Namensgeber der von ihnen entdeckten Skala, ein dritter Geist, der das Material entdeckte, blieb ungenannt: Der niederländische Software-Entwickler Kees van Prooijen.

Nachdem es schon vereinzelt Bohlen-Pierce-Gitarren und Malletinstrumente gab, war es Georg Hajdu, Professor für multimediale Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, der auf die Idee kam, die Skala auf die Klarinette zu übertragen. Ihre Eigenschaft, in die Duodezime zu überblasen, und ihr ungradzahliges Spektrum erkannte er als ideale Voraussetzung. Der experimentierfreudige Instrumentenbauer Stephen Fox in Toronto erklärte sich schließlich bereit, eine Bohlen-Pierce-Klarinette zu entwickeln. Nachdem dies gelungen war, gelangten die ersten beiden Exemplare des neuen Instruments nach Hamburg in Hajdus Besitz.

Durch Hajdus jahrelange Beschäftigung mit der Bohlen-Pierce-Skala hatten die meisten Kompositionsdozenten an der Hamburger Hochschule von dem System bereits gehört und ließen sich begeistern, mit eigenen Kompositionen das Projekt zu bereichern. Zwei Klarinettistinnen waren schnell gefunden, nämlich Anna Bardeli und Nora-Louise Müller aus Lübeck.

Ihre europäische Premiere erlebten die Bohlen-Pierce-Klarinetten im Juni 2008 in einem Konzert an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Vorausgegangen war dem Hamburger Konzert eine mehrmonatige Phase der Vorbereitung, in der sich die Musikerinnen Nora-Louise Müller und Anna Bardeli intensiv in die fremde Spieltechnik des neuartigen Instruments einarbeiteten. Die neuen Kompositionen von Georg Hajdu, Manfred Stahnke, Sascha Lemke, Peter Michael Hamel und Fredrik Schwenk wurden in zahlreichen Proben von Komponisten und Musikern gemeinsam erarbeitet. Aufgrund der außergewöhnlichen Leistung aller Beteiligten wurde das Konzert zu einem großen Erfolg. Zusätzlich zum Konzert hielten am selben Vormittag die beiden Klarinettistinnen gemeinsam mit Heinz Bohlen, dem ersten Entdecker der Bohlen-Pierce-Skala, und Prof. Georg Hajdu einen Workshop für interessierte Komponisten, Musiker und Zuhörer, in dem das Tonmaterial sowie Bauweise und Spieltechnik der Bohlen-Pierce-Klarinette erörtert und die Kompositionen anhand von Klangbeispielen erläutert wurden. Es folgten Auftritte im Rolf-Liebermann-Studio Hamburg in der Reihe NDR – das neue werk und im Gaudeamus Interpreters Competition 2009 in Amsterdam sowie mehrere musikwissenschaftliche Vorträge zum Thema Bohlen-Pierce-Skala, in denen neben dem Tonmaterial auch die psychoakustische Bedeutung des Tonsystems erklärt wurde.

Stephen Fox gab sich unterdessen mit der Entwicklung der "normalen" Bohlen-Pierce-Klarinette, die er BP-Sopranklarinette nennt, nicht zufrieden. Sein Forschergeist trieb ihn dazu an, eine BP-Klarinette zu entwickeln, die in einem tieferen Register klingt. In herkömmlichen Intervallen ausgedrückt, klingt sie eine Sechste tiefer als die Sopranklarinette. Er taufte seine neueste Entwicklung BP-Tenorklarinette. Das Instrument wurde im März 2010 auf dem ersten Bohlen-Pierce-Symposium in Boston, Massachussetts, vorgestellt. Anschließend wurde es an Ákos Hoffmann und Nora-Louise Müller übergeben, die als Teil der deutschen Delegation an der Konferenz teilnahmen, um die weitere Arbeit des Bohlen-Pierce-Klarinettenprojekts in Europa um eine wichtige Facette zu bereichern. Dankenswerterweise hat die Hochschule für Musik und Theater Hamburg das Instrument erworben und es dem Duo anvertraut.